home
 

Schlüsselbegriff: erhard

 
 

Späte Erfüllung – Martin Kramer über Erhard Hübener

Montag, November 27th, 2006

Landeshauptstadt benennt Platz nach Erhard Hübener, dem ersten Ministerpräsidenten des Landes Sachsen-Anhalt

Mehr als die Hälfte der deutschen Flächenländer wurden in ihrem Umfang erst in der Folge des verlorenen Krieges nach 1945 festgelegt. Die fünf ostdeutschen Länder erfuhren nach der Zwangspause von 1952 bis 1990 sogar erst vor nunmehr 16 Jah-ren ihre endgültige Umgrenzung.

Sachsen-Anhalt wurde aus den beiden preußischen Provinzen Magdeburg und Halle-Merseburg (bis 1944 zusammen mit dem Regierungsbezirk Erfurt die Provinz Sachsen), dem Freistaat Anhalt und den Exklaven aus Braunschweig, Hannover und Thüringen gebildet. Vorüberlegungen zu einem solchen mitteldeutschen Land hatte bereits in der zweiten Hälfte der 20er Jahre der damalige Landeshauptmann der Provinz Sachsen Dr. Erhard Hübener angestellt, ohne dass sich diese Überlegungen zu konkreten Schritten verdichteten. Er war zunächst durch die amerikanische Besatzungsmacht, dann bestätigt durch die sowjetische, zum Präsidenten der Provinz Sachsen berufen und vom Landtag am 3. Dezember 1946 zum Ministerpräsidenten des Landes Sachsen-Anhalt gewählt worden.

Wer war Dr. Hübener? Am 4. August 1881 in Tacken (Westprignitz) geboren, fühlte er sich entsprechend der Herkunft seiner Vorfahren als Altmärker. Dorfschule, väterlicher Privatunterricht, Gymnasium Seehausen und Landesschule Pforta führten ihn 1901 zum Abitur. In Kiel und Berlin studierte er Theologie, Geschichte und Volkswirtschaft.

Nach längerer Tätigkeit als Geschäftsführer der Berliner Metallbörse und Kriegsteil-nahme im 1. Weltkrieg, wurde er Ministerialbeamter in Berlin. Die Bürokratie und die Doppelarbeit in Reichs- und Landesbehörden veranlassten ihn zu einer Bewerbung bei der kommunalen Selbstverwaltung der Provinz Sachsen in Merseburg. Ab 1922 arbeitete er dort als Stellvertreter des Landeshauptmanns, ab 1924 als gewählter Amtsinhaber. Die Städte und die Kreise bilden den Provinzialverband, der Landes-hauptmann war der Chef von dessen Verwaltung.

Zusammen mit dem Magdeburger Oberbürgermeister Beims entwickelt er nun die Ideen für eine verständigere territoriale Gliederung der mitteldeutschen Landschaft. Als er von General Kotikow 1945 nach Struktur, Umfang und Hauptstadt der neuen Provinz Sachsen(-Anhalt) gefragt wird, kann er an diese Überlegungen anknüpfen und unter ganz anderen Bedingungen seine früheren Pläne verwirklichen.

1933 war er aus der Verwaltung entlassen, hatte einzelne Aufgaben in der Wirtschaft übernommen, lebte in Jena und später in Wernigerode.

Als Präsident in Halle blieb er im fünfköpfigen Präsidium Anfang September 1945 mit der Ablehnung der Bodenreform allein (drei andere Stimmen dafür, eine Enthaltung). Einem Merseburger Bekannten erzählte er später, bis er die Verordnung über die Bodenreform unterschrieben gehabt hätte, hätten bewaffnete Armeeangehörige neben ihm gestanden:

Die Besatzungsmacht lud Hübener unter einem anderem Grunde auf ein Dorf ein und nötigte ihn dort zu einer Rede über die Bodenreform. Das führte zu seinem ersten Rücktrittsgesuch im Oktober 1946. Im Zusammenhang mit der Konferenz der Ministerpräsidenten der deutschen Länder aus allen vier Besatzungszonen in München (Juni 1947) stellte Hübener sein Amt zum zweiten Mal zur Verfügung. Er erreichte es, dass die fünf Vertreter aus der sowjetischen Besatzungszone nach München fuhren, auch wenn die anderen vier durch ihre Forderungen eine vorzeitige Abreise provozierten.

Ende 1947 gab Hübener das Justizministerium ab; zum 30. September 1949 trat er endgültig zurück. Als bewährter Verwaltungsfachmann wollte er über „Verwaltungsprobleme der Gegenwart“ Vorlesungen halten. Bereits nach einem Jahr im Oktober 1950 wollte ihn das Berliner Volksbildungsministerium auf Kommunalwissenschaft beschränken, er zog sich daraufhin völlig zurück und lebte wieder in Wernigerode. Am 3. Juni 1958 starb er während einer Kur in Bad Salzuflen. Anders als Reinhold Maier, der von 1945–1953 in Stuttgart Ministerpräsident war, ist Erhard Hübener als Liberaler von 1945–1949 gewiss in einer noch schwierigeren Lage gewesen. Er hat immer nur reagieren und abwehren können und sich letztlich gegen die von der Besatzungsmacht und der ihr folgenden Partei der Kommunisten verfolgte Politik nicht durchsetzen können. Dessen ungeachtet gehört die Arbeit von Erhard Hübener für die Provinz Sachsen und das Land Sachsen-Anhalt zum wichtigen liberalen Erbe.

Martin Kramer, Pfarrer i.R.
Vorsitzender der Ratsfraktion der FDP bis 2004